ABRAHAM DAVID CHRISTIAN

ABRAHAM DAVID CHRISTIAN
DIE SPRACHE DES MENSCHEN | THE LANGUAGE OF MAN


Abraham David Christian: Reisen – Malen
H a n s - J ü r g e n H e i n r i c h s

Die wundersame Verknüpfung von Reisen und Malen hat – trotz einiger Gegenwartskünstler wie etwa Fritz Morgenthaler
und Herman de Vries, trotz so exponierter Bewegungen wie Primitivismus und Spurensicherung und vereinzelter Großmeister
wie Paul Gauguin und August Macke – keine Präsenz in der westlichen Kultur, die vergleichbar wäre mit der von Ethnologen
und Schriftstellern wie Victor Segalen und Michel Leiris so vielfach gestalteten Verknüpfung von Reisen und Schreiben.
Die Wege der Welt, die Abraham David Christian mit dem Stift in der Hand beschritten, nachgezeichnet und erfunden
hat, verdienen schon aus diesem Grund unsere ganze Aufmerksamkeit. Und wenn diese Wege dann auch noch so leichtfüßig,
phantasievoll und eigenwillig begangen werden, dann hat das Mitgehen gar nichts Beschwerliches an sich und bereichert
unsere Erfahrung der Welt, um einen Titel des Reisedichters Nicolas Bouvier aufzugreifen, ein Titel, der sich auch
als Subtext zu Christians Katalogtitel Die Wege der Welt lesen lässt: Wenn wir die Welt mit unseren Sinnen, mit offenen
Augen und Ohren, durchschreiten, machen wir die für das Leben notwendigen Erfahrungen.
Zugleich beginnen hier die irritierendsten Fragen an das Reisen: Könnte man nicht genauso gut fünf Stunden lang eine
Tapete anstarren, wie der große Reisende Henri Michaux meinte? Muss man denn überhaupt reisen? Ist die Reise um die
Welt wirklich der kürzeste Weg zu sich selbst, wie einst der Philosoph Graf Hermann von Keyserling meinte? Ist es denn
nicht viel erholsamer und dabei erkenntnisreicher, Tibet. Land zwischen Himmel und Erde, Die Wanderungen des Mönchs
Ippen und den Klosteralltag in Kyoto zurückgelehnt oder aufrecht im Schneidersitz zu erfahren? Lesend In Afrika sein (ein
Buch, das die Musik gleich mitliefert) und Die Reisen des Arthur Rimbaud (ein ganzes Reise-Leben liegt als ein aufgeschlagenes
Buch vor uns) in den eigenen vier Wänden nachmachen? Erleben wir, umgeben von solchen Büchern oder
durch Filme und Musik, die Fremdheit und Diversität von Kulturen nicht viel intensiver als durch die tatsächliche Reise?
Sind nicht auch Christians nomadenhafte und provisorische Studios (mit der immer gleichen einfachen Ausstattung) ein Hinweis
darauf?
Es gibt Manifeste und Programmschriften, die mit Eifer das „Zuhausereisen“ vertreten, ja sogar von einer „Kunst der
schönsten Exkursionen“ sprechen, für das man kein anderes Vehikel als die „wanderbereite Phantasie“ und ein „Pferd“
brauche, nämlich ein Buch übers Reisen, auf dem man sich forttragen lasse in „eine fremde, nie gesehene Welt“. Da erfahre
man ein „hinreißendes Weltgefühl“, den Zauberduft der Ferne und die Phantastik des Unerreichbaren.
Ist nicht aber genau das ein Aspekt, den uns Christians Bildwerke näherbringen: die Phantasik des Unerreichbaren?
Insofern sind diese Arbeiten gerade keine Kopien des Reiseerlebnisses, keine Nach-Bilder, sondern eigenständige Zeichen.
Aber bleiben wir noch etwas beharrlich: „Die Welt schrumpft durch unser Wissen“, stellte einst Alfred de Vigny lapidar
fest. Die moderne Technik – Eisenbahn, Flugzeug, Fernsehen, Internet – tötet den Raum. Heinrich Heine ahnte es bereits
einige Jahre vor de Quincey. Die Schrumpfung kann soweit gehen, dass Reisen überflüssig erscheint. Weiß am Ende der an
die Informationen angeschlossene Stubenhocker mehr von der Welt als der Weltenbummler?
Einmal sagt Christian ganz dezidiert: „Ich bin kein Weltenbummler. Aber ich setze mich bestimmten Bedingungen aus.“
Wir kommen später noch darauf zurück…
Peter Weibel hat in seiner Studie Vom Verschwinden der Ferne an einige Etappen dieser Entwicklung erinnert, die
schließlich zu den „Null-Reisen“ führte. Xavier de Maistre begnügte sich schon 1795 mit einer „Reise um mein Zimmer“ (wie
seine Erzählung auch betitelt war), für die er 42 Tage braucht. Später dauert die Reise um die ganze Welt noch ganze 80
Tage. Andere Schriftsteller geben sich mit Erzählungen zufrieden, die davon handeln, „Warum ich nicht gerne reise“ (so
Paul Vibert, 1901). Berühmt wurde auch Joris Karl Huysmans’ Roman Gegen den Strich, in dem der Erzähler, nach einigen
schiefgegangenen Urlaubsreisen, den Entschluss fasst, sein Haus nicht mehr zu verlassen. Er taucht völlig in die Vorfreude
des Reisens, in das imaginierte Unterwegssein, ein. Ganz in diesem Sinne schreibt auch der durch seine Kunst des Reisens
populär gewordene Alain de Botton: „Weshalb gehen manche unserer Reisen schief? Weil wir leicht etwas Entscheidendes
vergessen: dass wir uns selbst zu diesen Orten mitnehmen müssen. Wir werden mit uns selbst dort sein.“
Kein reisender Dichter des 20. Jahrhunderts hat deutlicher seinem Widerwillen gegen außengesteuerte Erregungszustände,
seine radikale Ablehnung jeder Beeinflussung seines Schreibens durch das Reiseerlebnis Ausdruck verliehen als
Raymond Roussel. In China angekommen, blieb er in seinem Wohnwagen sitzen – auf dass ihn nichts zu irritieren vermochte!
Er und, etwas anders motiviert, auch Blaise Cendrars rieten dazu, die Augen während des Reisens zu schließen. Jochen
Gerz läßt es, ganz konsequent in dieser Tradition, offen, ob er seine „blinde“ Transsibirien-Reise 1977 wirklich durchgeführt
oder als „Geist-Reise“ imaginiert hatte.
Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, nicht mehr die eigene Person, sondern lediglich eine Fahrkarte, bzw. Zeichen
und Silben auf die Reise zu schicken. Der Künstler bleibt, wo er ist, „die Zeichen reisen“. Der Raum ist „durchlöchert“.
Im Grunde kommt die Ferne auf uns zu; die Telemaschinen bringen uns die Ferne ins Haus. Die intensive Zeit wird nicht
so sehr durch die physischen Transportmittel, als vielmehr durch das Angeschlossensein an die Telekommunikationsmittel
erlebt. Die häusliche Bewegungslosigkeit in der telekommunikativen Situation und die Tendenz zur Drosselung der Geschwindigkeit
bzw. zum Auf-der-Stelle-Treten (Start- und Ziellinie fallen bei den neuesten Rennen schon fast zusammen)
markieren eine neue Schnittstelle, wo die Beschleunigung nicht mehr nur auf den am weitesten entfernten Punkt zusteuert,
sondern sich zugleich auf den Ausgangspunkt zurückbezieht, so, als ginge der Weg in die Ferne und in die Nähe in
die gleiche Richtung.
In Christians Werken ist diese Erfahrung gestaltet, insofern die von ihm durchgespielten Formen an der Fremderfahrung,
auf dem Weg in die Ferne, erprobt und in der Nähe, im Bezug auf sich selbst, überprüft wurden. Die Formenvielfalt in
seinen skulpturalen Bildern rückt unseren Blick in die Ferne und in die Nähe; sie ist auf eine (noch näher zu erforschende)
Weise konkret und abstrakt, gleichermaßen. Seine Bild-Reisen spielen sich im Außen und im Innen ab.
Seine in der Welt aufgeschlagenen Zelte und passager eingerichteten Räume sind ein Hinweis auf dieses Innen – Außen;
Räume, die mich an Paul Bowles’ Studio in Tanger, Paul Nizons Ateliers in Paris, an Chatwins und Cees Nootebooms
nomadische Existenzen erinnern. Christian: „An welchem Ort der Welt wir arbeiten – in welcher Kultur –, ist gleich. Ist es
doch das Bewusstsein, in dem wir leben und arbeiten, und der Kontext. Ich setze mich bestimmten Bedingungen aus, um
das, was in mir ist, sichtbar zu machen.“
Im Grunde sind äußere Reisen nicht von ganz anderer Art als innere, imaginäre Reisen. Nur der Aufprall des Fremden
wirkt handgreiflicher, sichtbarer. Alles was einer in der Fremde erlebt, kann er, im Prinzip, auch zu Hause erleben; oder
anders gesagt: Er wird in der Fremde nur das erfahren, was in ihm (für das Erlebnis) bereit ist. Nur hindert ihn in der eigenen
Kultur allzuoft das Eingespielte des Alltagslebens daran, sich für Anderes zu öffnen. Der Zugang zu vielen Erlebnissen
in ihm ist erschwert und verstellt.
Er benötigt einen veränderten Standpunkt, einen Ortswechsel. Manchmal geht einer nur von hier nach dort und fühlt
sich schon wie ein neuer Mensch. Es ist der alte, aber belebt und zugänglich für den Austausch an Energien, für die Spannung
zwischen den Dingen und den übergestülpten Bildern.
Keine Erfahrung – so gewöhnlich sie auch sein mag – nimmt nur das auf, was im Augenblick an diesem Ort im eigenen
Gesichtsfeld erscheint, sondern ist überlagert und geprägt von eigenen und von kollektiven früheren Erfahrungen, von Traditionen,
Symbolen und Klischees.
Erfahrungen zu machen ist schon eine Reiseform: sich zusammensetzend aus unzähligen Bildern und Vor-Bildern,
Wegen und Bewegungen – Wegen und Bewegungen in der Welt. „Das Leben ist eine Reise“, hat Christian gesagt. Zuweilen
beschwerlich, erdrückend. Es gibt Reisen, bei denen der Reisende unter seinen Traglasten zusammenzubrechen droht: „Ich
hatte einen grünen Schrankkoffer, der mir immer mehr zur Last wurde, bis ich ihn schließlich in Persien zurückließ“, notiert
Vita Sackville-West in Eine Frau unterwegs nach Teheran. Also, man lasse derartige Gepäckstücke besser zu Hause. Dann
werden die Reise vielleicht zu einem Abenteuer des leichten aufrechten Gangs und das Wohnen in der anderen Kultur zur
Einübung in die Leichtigkeit und Einfachheit des Seins.
In der Bildenden Kunst, zum Beispiel bei Richard Long, bei Marcel Broodthaers oder bei Johanes Zechner, spielen Gegenstände
der Natur und Objekte des alltäglichen Lebens wie etwa ein Koffer eine besondere Rolle.
In der Regel füllt der Reisende den Koffer vor der Abreise. Johanes Zechner hat bei seiner Fahrt nach Bay City einen
leeren Koffer mitgenommen und ihn bei seiner Spurensuche gefüllt. Der Koffer enthielt nur präpariertes Leinen, vorbereitet
für die geistige, emotionale und malerische Auseinandersetzung mit dem Kunst-Leben-Experimentator Forrest Bess.
Die Reise als Spurensuche und als Forschung. Der Koffer gibt dabei so etwas wie ein Maß vor. Ähnlich wie ein Fotoalbum.
Fotoalben aber haben etwas von einem Grab an sich. Zechners Koffer dagegen gleicht eher einer Wundertüte. Oder
einem Archiv des Erinnerns; aber einem Archiv des in jedem Augenblick neu zu Verlebendigenden. Das Erfahrene findet
sich darin wieder, jedoch nicht erstarrt, sondern als Möglichkeitsfeld.
Reisen als Option auf Möglichkeiten und Realitäten.
Bei Christian auch als Option auf skulpturalen Gestaltenwandel, auf das Wechselspiel der konkreten und abstrakten
Formen, die sich zuweilen – wie in den Zeichnungen Graphit auf Papier – ins völlig Ungreifbare, Formlose weiten. Vergleichbar
Michaux’ Meskalin-Zeichnungen.
Phantasmatische Abenteuer.
Reisen selbst ist wie ein Phantom oder ein Phantasma: Du läufst nur einer Einbildung oder einem Bild hinterher – die
Realität ist dann oft ganz anders.
Der Reisende weiß allzu oft, wie der Liebende auch, dass er einer Illusion folgt, aber er tut es dennoch. Er ist unverbesserlich.
Deswegen spricht man auch von Leidenschaft (was unverkennbar mit Leiden zu tun hat) oder gar von Besessenheit
(in dem Sinn, dass man von der Fremde und dem Fremden Besitz ergreifen will beziehungsweise von etwas oder
von jemandem besessen ist).
Zuweilen stellen sich Reisende als Opfer ihres Begehrens und ihrer Phantasien dar, ohne dass sie immer eine klare Vorstellung
von dem Objekt ihrer Begierde hätten. Sie folgen mehr einer unterirdischen Spur als einem sichtbaren Strom.
Diese unterirdische Spur in Christians Bildern erinnerte mich an die Geschichte, die der Ethnologe Claude Lévi-Strauss
im Alter erzählte: Als kleines Kind habe er behauptet, er könne lesen. Zum Beweis zeigte er auf zwei Schilder, auf denen
stand „boulanger“ und „boucher“. In den Anfangssilben erkannte er eine Gemeinsamkeit. Nichts anderes habe er ein Leben
lang als Strukturalist betrieben: Das Invariante im Diversen herauszufinden.
Tut nicht auch Christian dies auf so eindringliche Weise? Zeigt nicht auch er „Notwendige Beziehungen“ (in denen
Strukturen miteinander kommunizieren)? Was ihn interessiert ist die Frage nach dem Gleichen in den Kulturen, sind die Variationen
eines Themas.
Angesichts der Entwicklung, dass Reisen immer schneller werden und die Landschaften am Betrachter vorbeisausen,
wirken Christians Arbeiten wie ruhende Pole.
Die Futuristen, vor allem in der Bildenden Kunst, und die Schriftsteller, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts, allen
voran Blaise Cendrars, die neuen Techniken zunutze machten, waren vereint im Geschwindigkeitsrausch. Und dennoch:
Schaut man genauer hin, wird vieles in diesem Reise-Aktionismus, in dieser scheinbar ganz weit nach außen gehenden Bewegung
auch als innere Bewegung erkennbar.
In all den großen reisenden Dichtern – von Rimbaud, über Cendrars bis zu Chatwin und deren Nachfahren – erkennen
wir sensible, seismographische Beobachter innerer und äußerer Sensationen. Sie berühren die Fremde und lassen sich von
ihr berühren. Einige von ihnen, wie vor allem Bruce Chatwin, erscheinen dabei als exemplarische Repräsentanten des Reisenden
schlechthin. Er hat den Mythos des Reisens als Wunsch-Erfüllung und des Reisenden als Glücksritters, des Gehenden
als Repräsentanten der nomadischen Grundverfassung des Menschen, des Dichters als Geschichten-Erzählers von
den Grundbedingungen menschlichen Lebens und Überlebens wie kein anderer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
zur Entfaltung gebracht und damit, wie eine verblühte Blume, in sich aufgelöst. Das Reisen und der Reisende (und damit
auch die Orte, die er sucht) sind zu Chimären einer alten Idee von dem ganz Anderen geworden. Die Faszination am Unterwegssein
ist mehr denn je zurückgeworfen auf das Reisen in Seelenlandschaften. Und, wie es Christians Werke zeigen, auf
den Wandel im Gestalthaften, in den Formen und Strukturen.
Manchmal hatte ich bei Christians Bildwerken den Eindruck, als schaute mich das Konkrete ganz direkt aus den Strukturen
an: zum Beispiel ein afrikanischer Hocker oder eine Maske, ein Säulengang, eine Kreuzung, Wege und Labyrinthe,
Paläste und Fenster (zur Welt) oder konkret-abstrakte Formen wie Sonnen und Planeten. Heilige Orte auch; nicht zu verwechseln
mit fahlem Exotismus. Christian: „Dies ist kein exotisches Projekt.“ (Höchstens „präzise Exotik“ im Sinne Victor
Segalens.) Gelebte Kunst, auf den Spuren des Unsichtbaren.
Als ich mir, zusammen mit meiner Freundin Kathrin und ihrer eineinhalbjährigen Tochter Friederike, den Katalog Die
Wege der Welt zum ersten Mal anschaute, mit dem Finger auf verschiedene Bilder zeigte und das kleine Mädchen fragte,
was es sehe, sagte es: Oke – nahm selbst den Stift in die Hand und malte. (Vielleicht sah sie sich auch selbst in den Figuren,
denn sie spricht von sich als Ike.)
Also: reisen-schreiben-malen.
Einmal reisend-schreibend-malend in Bewegung gekommen, ist man hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf
letztgültige Selbsterkenntnis und einer entmutigenden Desillusionierung, auf den Wechsel vom Beharren und Fliehen der
Struktur.
Wer ständig reise, sei, so hat Cees Nooteboom festgestellt, stets irgendwo anders, aber man sei auch ständig und immer
irgendwo, nämlich bei sich selbst.
Nootebooms Motto – „In der Welt herumreisen und meditieren und dem Rätsel näherkommen“ – gilt, in verschiedenen
Schattierungen und Gewichtungen, für nahezu alle reisenden Schriftsteller und Künstler. Und dennoch immer gegenwärtig
die Erfahrung: „Reisen sind keine Lösung“. Die Reisenden seien nur die „lächerlichen Zeugen einer menschlichen Ohnmacht“,
hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts Paul Nizan, der Autor des einstigen Kultbuches Aden, geschrieben und
Michel Leiris hat darauf insistiert, dass man im Reisen einer Todessehnsucht folge und zugleich der Illusion, man könne das
Altern hinauszögern, ja, sich selbst ein Stück weit entfliehen. Aber so weit man auch an die Peripherien der Welt und des
eigenen Lebens geht, man nimmt immer sich und seine Sehnsüchte und Begierden mit.
Die Sprache enthüllt die Fremdheit des Schreibenden gegenüber sich selbst und treibt voran, macht ihn zum Wanderer
und zum Entdecker, zum Archäologen und Erforscher der Terra incognita.
Die Terra incognita ist für jeden leidenschaftlichen Reisenden singulär; sie hat stets eine ganz eigene Gestalt. Die ersten
Konturen der Fremdheit und Unbekanntheit zeichnen sich bereits in den Phantasien des Kindes ab, des Kindes, das träumt,
später einmal auf Reisen zu gehen. Bei Bruce Chatwin zum Beispiel war es eine Tierhaut aus Patagonien. Alle Dichter, die
vom Reisen fasziniert waren, und alle Ethnologen, die sich nicht von akademischen Vorstellungen einengen ließen, haben
ihren Kindheitsphantasien breiten Raum gegeben. Da tauchen nicht nur die vorgestellten Phantasiewelten beim Gedanken
an spätere Reisen um die Welt, sondern auch beim Gedanken an die Rückkehr auf.
„Wenn ich von meinen Reisen heimkomme, gründe ich einen Zirkus“, schrieb der neuneinhalbjährige Walter Höllerer in
einem Schulaufsatz. Als Motto hatte er dann in seinem ersten Gedichtband formuliert: „Immer auf Fahrt eingestellt.“ Oder
Christian: „Das Leben ist eine Reise.“
Man reist, so meine Überzeugung, nur, wenn es eine ungestillte Sehnsucht in einem gibt und die Hoffnung, etwas ganz
anderes zu erleben. Reisen oder Nichtreisen ist zum allergeringsten Teil eine Frage von Argumenten; vielmehr eine von
Trieben, Wunschbildern und inneren Bewegtheiten, von einer Ungewissheit.
Viele Menschen, die man auf Reisen trifft, sind wie das fremde Land in einem schlechten Reiseführer: als bestünde es
nur aus Klima, Geographie und Hotels. Dagegen ist es ein Glücksfall, Reisenden zu begegnen, die als Gepäck ihre Kindheit
und ihre Träume deklarieren, und Menschen wie Abraham David Christian, die nicht an einer Fiktion von „Identität“ kleben
(so ist es kein Zufall, dass er für die Japaner ein „japanischer Bildhauer“ ist), die mehr am Peripheren als am vermeintlich
Zentralen interessiert sind.
Kein Weg ist vergebens. Auf Reisen geht nichts verloren – vielleicht etwas von dem Überflüssigen, das man schon Jahrzehnte
mit sich herumgeschleppt hat. Christian hat sein Gepäck auf eine kleine Tasche reduziert. Nicht zuletzt, um jederzeit
wieder schnell aufbrechen zu können.
Der Wunsch, als ein anderer zurückzukehren.
Weiterziehen oder bleiben? Die Gedanken allein weiterziehen lassen? „Um zu bleiben“ – wenn man diese Zeile von
Konstantinos Kavafis auf der Zunge wie eine reife Feige oder Papaya zergehen lässt, wirbeln einem im Kopf die Frage- und
die Ausrufezeichen nur so durcheinander. Ja, wie müssen Orte sein, damit man bleibt? Vielleicht sind alle Reisebewegungen
Hinauszögerungen des Wunsches zu bleiben und ein Mensch zu werden, der „in sich ruht“, wie es in den alten östlichen
Lehren heißt.
Ich bin – darin ist das Weggehen und das Bleiben ungeschieden und fraglos enthalten. Du bist – möchte ich gerne
Abraham David Christian zurufen.




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